Ralf Mohr

1966 in Kassel geboren

1987-1990 Schriftsetzerlehre, C.V. Engelhard, Verlag und Druckerei, Hannover

1990 Beginn des Grafik-Design Studiums, FH Kunst und Design, Hannover

1991 Beginn der freiberuflichen Tätigkeit als Grafik-Designer und Fotograf 

1996 Diplom im Fachbereich: Grafik-Design Thema: „fashionm, Fotoanimationsfilm Portrait des New Yorker Modeschöpfers Oliver Steinhaus

1998 Mitgliedschaft in der Ateliergemeinschaft „Nordfelder Reihe 13”

1999 Lehrauftrag an der FH für Kunst und Design Hannnover

2007 Leben und arbeiten auf dem Gelände der „Eisfabrik”, Hannover

2008 Vorstandsmitglied des Kulturvereins „Eisfabrik”, Hannover

 

Gespiegelte Elegien

Ralf Mohr

Wäre es möglich, ein Menschenleben in photographische Einzelbilder zu zerlegen, ergäbe sich ein unendlich vielfältiges Spektrum von Handlungen, Gesten und Stimmungen, gespiegelt in der wechselvollen Mimik und Körpersprache einer einzigen Persönlichkeit.

Ralf Mohrs Photographien sind darauf angelegt, einen Menschen in seiner Ganzheitlichkeit, im komplizierten Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele zu erfassen. Seine Sujets sind weit gefächert, sie reichen vom Porträt über Aktaufnahmen und Modephotographie, bis hin zu Reportagesequenzen und freien, collagehaften Kommentaren, so etwa zum Thema  „Kontaktannoncen”, die er auf ironische Weise bebildert.

Das verbindende Element liegt in dem Bestreben, das Selbstbewusstsein und die körperliche Präsenz der Menschen  an einem Punkt festzuhalten, an dem sie sich, möglicherweise unbewußt, in Einklang miteinander befinden. Dieser Zustand kann momenthaft sein und sich in einem Lächeln, einer Haltung oder einem Blick äussern, er kann jedoch auch das Ergebnis einer lustvollen und aufwendigen Selbstinszenierung sein. Mag ihre Erscheinung noch so bizarr, ihr Lebensraum noch so exzentrisch anmuten, keiner der Menschen, die sich Ralf Mohrs photographischer Aufmerksamkeit stellen, spielt eine unaufrichtige Rolle, die seinen Wesenskern verbergen könnte.

In seiner aufsehenerregenden Sequenz „Pregnant”, nutzte Ralf Mohr seine Fähigkeit den „entscheidenden Moment„ zu finden, um in Kooperation mit seinen Modellen völlig neue Aussagen über den vernachlässigten und für viele höchst degoutanten Zustand der Schwangerschaft zu treffen. Der Stolz und die Gelassenheit, auch die Koketterie, mit der die Frauen ihren voluminösen Leib präsentieren, hat nichts zu tun mit den Klischees von Mutterschaft oder weiblicher Erfüllung. Die Ästhetik und das Groteske werden in ihrer Antinomie belassen und mal mit Witz, mal mit erotischem Raffinement dargeboten.

Im Auge des Betrachters entfaltet sich der liebevolle Umgang mit der eigenen Persönlichkeit, das Spiel mit Fremdheit und Nähe, mit Accessoires und kunstvollen Posen.

Ralf Mohr ist ein geduldiger, präziser Beobachter menschlicher Ausdrucksformen. Die Beziehung zu seinem Gegenüber vor der Kamera ist dialogisch angelegt, jedoch nie, trotz der umfangreichen Einblicke, die er uns in den Lebensbereich der Menschen gewährt, anekdotisch verbrämt oder darauf bedacht, eigene Geschichten zu erzählen.

Sprechend sind nur die offenen, häufig auf den Betrachter gerichteten Blicke, die wie ein Spiegel unsere Empfindungen zu reflektieren scheinen. Mit dem Modell entsteht auf diese Weise eine Verbundenheit, die jeden voyeuristischen Zugriff ausschließt, und der Intimität, in die Einblick zu gewinnen wir eingeladen werden, jeden Beigeschmack einer, vielleicht sogar unfreiwilligen, exhibitionistischen Entblössung nimmt.

Das melancholische, manchmal ein wenig elegische Moment, das sich durch Ralf Mohrs Porträts zieht, bezeichnet den Augenblick des Innehaltens, der Selbstbeobachtung und der Balance zwischen der Wendung nach außen und der bewußten Verinnerlichung der Körpersprache. Diese Verhaltenheit der Gebärden macht jede für sich bedeutsam und führt zu einer Intensität des Ausdrucks, deren Wirkung nachhaltig ist.

Beatrix Nobis